In der aktuelle Debatte um die Korona-Krise ist ein Thema sehr beherrschend: Und dann? Wenn die Krise zu Ende ist, was wird sich ändern?
Krisen als außergewöhnliche Zeiten rufen die Forderung nach
Veränderung hervor, weil die alten Gewissheiten nicht mehr zu gelten scheinen. Der aktuell häufig zitierte Zukunftsforscher
Matthias Horx glaubt, dass die Erfahrung der Corona-Krise zu Veränderung in der
Weise führen wird, wie Menschen sich selbst als Individuen sehen, wie sie ihre
Beziehungen zu anderen Menschen gestalten. Das hat das Potential für einen
tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.
Das ist eine sehr aristotelische Sichtweise. In seiner Dramentheorie
entwirft Aristoteles die Katharsis als Höhepunkt des Stücks, die zu einer
Wandlung führt: der Figuren, der Ausgangssituation. Viele Krisentheorien
bedienen sich dieses Modells. Die Geschichtsschreibung liebt Krisen, weil sie
gesellschaftlichen Wandel plötzlich deutlicher und damit beschreibbarer macht.
Politikwissenschaftler können anhand von Krisen ihre Modelle von
Umbruchprozessen besser evaluieren.
Bringen Krisen aber immer diese aristotelische Katharsis hervor? Ein kurzer Blick in die Geschichte gibt
widersprüchliche Antworten.
Als im Januar 1918 in den USA die ersten Patienten auf einem
Armeestützpunkt mit einem neuen Grippe-Virus infiziert wurden, war kaum absehbar,
dass diese Epidemie weltweit mehr Todesopfer fordern würde als die immer noch
tobenden Schlachten des Ersten Weltkriegs. Rund ein Jahr später hatte die Spanische
Grippe, wie die Krankheit genannt wurde, nahezu jeden Winkel der Welt erreicht.
Aber wenig von den zerstörerischen Folgen dieser Epidemie ist in das Bewusstsein
der Menschen gelangt. In der Welt nach dem Weltkrieg war diese Katastrophe nur
eine von vielen. Ehemals mächtige Imperien waren zugrunde gegangen, Könige,
Zaren und Kaiser gestürzt oder ermordet worden. Die politische Landkarte
Europas und der Welt wurde neu gezeichnet. Damit einher gingen Vertreibungen,
Enteignungen und Massaker an Bevölkerungsgruppen, die nun nicht mehr als Teil
der eigenen politischen Gemeinschaft gesehen wurden. In all diesem Wirrwarr war
die Spanische Grippe nur eine zusätzliche Katastrophe. Krisen aber, das ist eine wichtige Einsicht,
bringen oft andere Krisen hervor.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 sah zwei für die Geschichte
sehr wichtige Veränderungen. In den USA schuf Franklin Theodore Roosevelt als
Reaktion auf die Krise des ungezügelten Kapitalismus die Grundlagen für den
modernen Sozialstaat. Erstmals gab es eine Arbeitslosenversicherung, eine
rudimentäre Krankenversicherung und staatliche Jobprogramme. Es wurde Gesetzte
erlassen, die die Monopolbildung in der Industrie und im Finanzsektor
unterbinden sollte. In Deutschland führte die Weltwirtschaftskrise zum Aufstieg
Hitlers. Auch er warb mit Sozialprogrammen und dem Staat als Wirtschaftslenker.
Während FDR aber in den USA damit neben dem Sozialstaat auch viel zur
Demokratisierung des gesellschaftlichen und politischen Lebens beitrug, schuf
Hitler eine Diktatur.
Die Ölkrise von 1973
traf die westlichen Gesellschaften nicht nur deshalb hart, weil sie das
populärste Symbol der Freiheit und der neuen Konsumkultur, das Auto, zum
Stillstand brachte. Viele Beobachter sahen darin auch das Ende der
westlichen Dominanz auf der Welt. Wenn die ölfördernden Staaten der Dritten Welt
solch eine Macht in den Händen hielten, dass sie ganze Wirtschaftszweige zum
Stillstand bringen können, dann schien dies ein Zeichen einer neuen Zeit. Diese
Prognosen aber erfüllten sich nicht. Der Westen behielt seine wirtschaftliche
Dominanz und die die Länder der Dritten Welt blieben arm, geführt von
Diktatoren, die kein Interessen an einem Bruch mit dem Westen hatten.
Als in den 1980ern die Bevölkerung in den osteuropäischen Staaten immer weniger der Propaganda ihrer kommunistischen Parteien glauben schenkten, führte dies zu einer schweren Legitimationskrise der Regimes. Auch in China machten sich zunehmend Widerstand gegen die autokratsiche und repressive Politik der kommunistischen Machthaber bemerkbar. Während die Krise in Osteuropa zum Ende der kommunistischen Herrschaft führte, wurde in China die Demokratiebewegung rasch niedergeschlagen. Der Weg aus der Krise wurde in Osteuropa möglich, weil auch die Eliten nicht mehr an ihre Propaganda glaubten. Die chinesischen Kommunisten aber dachten nicht daran ihre Macht abzugeben. Sie ersetzen gleichwohl Kommunismus durch Konsum.
Wann ist
Wandel nach Krisen möglich? Die Geschichte gibt darauf keine eindeutigen
Antworten. Müssen Krisen die Menschen so hart treffen, dass ein Weitermachen
wie bisher nicht mehr möglich ist. Revolutionäre wie Lenin glaubten dies. Der
Kern seiner Theorie der Revolution war die Krise. Wenn die Mächtigen nicht mehr
regieren könne wie bisher und die Beherrschten nicht mehr die Herrschaft akzeptieren,
dann ist die Zeit reif für eine Revolution. Paradoxerweise ist das Ende des
Sozialismus in Osteuropa der beste Beweis für diese Leninsche Theorie.
Hängt Wandel von der Reaktion der Mächtigen ab? Ist ihr Versagen
oder ihre Bereitschaft Wandel zu gestalten entscheidend? Darüber mehr in der nächsten Sitzung.
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