Langsam werden in Berlin die Straßen wieder voller. In den Supermärkten
werden die Abstände zwischen den Leuten an der Kasse kürzer.
Der wahre Kampf findet heute zwischen Alltag und Krise statt.
Der Alltag mit seinen Gewohnheiten und Routinen ist eine
schleichende und mächtige Kraft. Wer jemals mit dem Rauchen aufhören wollte,
weiß dies nur zu gut. In der Corona-Krise ist die Abkehr vom Gewohnten zur
mächtigsten Waffe gegen das Virus erklärt worden. Wir sollen unser Verhalten
ändern, um so das Virus zu besiegen.
Die Abkehr vom Alltag ist das Medikament.
Doch wie lange können Menschen ihren Alltag nicht leben? Wie
lange wollen sie ihren Alltag der Rationalität der Krisenbekämpfer opfern? Vor
allem wenn die Bedrohung so wenig sichtbar ist und das Leben nur wenig
verändert ist. Keine Toten auf den Straßen, keine zerstörten Städte, sondern
nur eine unsichtbare Gefahr.
Krisen sind Ausnahmensituationen, aber wie jede Situation, müssen
auch Krisen erlebt und erfahren werden. Die Deutung von Situationen als Krisen sind
wichtige Bestandteile von Krisenerfahrung.
Wie schwer Krisen auf den Alltag der Menschen einwirken, ist
ein weiteres wichtiges Element. Zwar sind viele Läden geschlossen, ist
Toilettenpapier knapp geworden, ächzt die Wirtschaft unter dem Ausfall von Produktion
und Absatz, dennoch scheinen grundlegende Bereiche der Gesellschaft noch zu funktionieren.
Dass die heutige Situation als Krise beschrieben wird, ist vor allem eine Frage
der Deutung.
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